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Die japanische Teezeremonie Chado Fukusa mit Raku SchaleDie japanische Teezeremonie Chado Fukusa mit Raku Schale

Die japanische Teezeremonie

茶の本意は知足を本とす。茶道とは分々に足ることを知るという方便なり。

足ることを知れば茶を点てて不足こそ楽しみとなれ。皆分々を知るこそ人なれ。

 

松平不昧公 (1751–1818),  "贅言"

 

Die eigentliche Bedeutung der Teezeremonie liegt in der Genügsamkeit. Der Teeweg ist eine Übung darin, sich an dem Wenigen zu erfreuen.

Wer dies versteht, der wird in der Teezeremonie gerade im Unzureichenden Erfüllung finden. Genügsamkeit ist die Essenz der Menschwerdung.

Matsudaira Fumaikō (1751–1818), "Plaudereien"


Die in Japan als Cha no yu (茶の湯, wörtlich "heißes Wasser für den Tee") oder Sadō/ Chadō (茶道, wörtlich "Teeweg") bekannte Teezeremonie hat das Zubereiten, Servieren und Trinken von Matcha-Tee in einem ästhetischen und spirituellen Rahmen zur Perfektion gebracht. Nach einem kleinen Überblick über die geschichtliche Entwicklung und die wichtigsten Stilrichtungen wird der klassische Ablauf einer Teezeremonie skizziert. Zuletzt wollen wir einige weiterführende Gedanken zur spirituellen Bedeutung der Teezeremonie mit Ihnen teilen, die an das obige Zitat des Teemeisters Matsudaira Fumaikō anknüpfen. 

Ursprünge & Stilrichtungen der Teezeremonie

Als wichtigster und erster Wegbereiter der japanischen Teezeremonie gilt der Zen-Mönch und Teemeister Murata Jukō (1423–1502). Er legte den Grundstein für die spirituelle und ästhetische Praxis der Teezeremonie, indem er die Bedeutung von Schlichtheit und Bescheidenheit betonte. Damit stand die von Jukō gänzlich neu konzipierte Teezeremonie im krassen Kontrast zu den damals gängigen Teepartys der Aristokratie, die von oberflächlichem Prunk und opulenter Zurschaustellung sowie mitunter exzessivem Verhalten geprägt waren. 

Die zweite Hauptfigur in der Geschichte der Teezeremonie ist Sen no Rikyū (1522-1591), der die Teezeremonie zu ihrer heutigen Form geleitete. Rikyū perfektionierte die Kunst der Teezeremonie durch die Einführung und Betonung der Wabi-Sabi-Prinzipien, welche die rustikale Schönheit des Unvollkommenen und Vergänglichen hervorheben. Unter Rikyūs Anleitung wurde die Teezeremonie zu einer hochentwickelten Kunstform, die nun vollends den Charakter einer tief spirituellen Praxis angenommen hatte.


Rikyū legte großen Wert auf Simplizität und den natürlichen Charme der Utensilien sowie auf die harmonische Gestaltung des Teeraums. Seine Lehren und Praktiken legten die Grundlage für die drei Hauptschulen der Teezeremonie: Urasenke, Omotesenke und Mushanokōjisenke. Jede dieser Schulen bewahrt und entwickelt die Traditionen der Teezeremonie weiter mit jeweils eigenen Interpretationen, Praktiken und ästhetischen Vorlieben. Urasenke legt zum Beispiel großen Wert auf eine fließende und anmutige Bewegungsweise, während Omotesenke eine eher zurückhaltende und formelle Herangehensweise betont. Mushanokōjisenke ist für seine etwas einfachere und praktischere Art bekannt. Trotz dieser Unterschiede teilen alle Schulen die grundlegenden Prinzipien der Teezeremonie: Harmonie (Wa), Respekt (Kei), Reinheit (Sei) und Stille (Jaku).

Japanische Teezeremonie Chashaku mit Raku SchaleJapanische Teezeremonie Chashaku mit Raku Schale

Ablauf & Besonderheiten

Der Ablauf der japanischen Teezeremonie folgt einem präzisen und ruhigen Ritual, das sowohl den Gastgeber als auch die Gäste in einen Zustand der Meditation und Kontemplation versetzt. Der allgemeine Ablauf beginnt mit der Begrüßung der Gäste durch den Gastgeber. Die Gäste betreten das Teezimmer zunächst durch eine kleine, niedrige Tür, was eine Verbeugung erzwingt und damit Demut symbolisiert. Das Teezimmer, „Chashitsu“ (茶室) genannt, ist ein kleiner Raum mit Tatami-Reisstrohmatten, der schlicht und geschmackvoll eingerichtet ist, um eine Atmosphäre der tiefen Ruhe und Besinnung zu schaffen. Wichtigstes Dekorelement ist die „Tokonoma“, eine Nische, in der Kalligrafien und Blumenarrangements präsentiert werden. Diese werden sorgfältig zusammengestellt, um die Jahreszeit und den Anlass der Teezeremonie zu reflektieren. 

 

Den Gästen wird zunächst eine kleine, kunstvoll gefertigte japanische Süßigkeit (Wagashi 和菓子) gereicht, die vor dem Tee gegessen wird und durch die im Mund  verbleibende Süße die intensiven Aromen des Matcha begleitet und abrundet. In einem festgelegten Ablauf bereitet der Gastgeber nun für alle Gäste Matcha zu, beginnend mit dem Hereintragen und Präsentieren der wertvollen Utensilien. Wasser für den Tee wird mit einer Bambuskelle aus einem gusseisernen Kessel geschöpft, welcher je nach Jahreszeit auf einem kleinen Herd oder einer im Zimmer integrierten Feuerstelle sitzt. Durch die vielen unzähligen kleinen Schritte und Handgriffe, welche die vollkommene Aufmerksamkeit und Sorge des Gastgebers für seine Gäste zum Ausdruck bringen, kann eine einzige Teezeremonie durchaus mehrere Stunden dauern. Ein essentielles Element ist dabei auch die rituelle Reinigung der Utensilien wie Bambuslöffel und Teedose, was den Anspruch an perfekte physische wie auch spirituelle Reinheit verkörpert.

 

Die innige spirituelle Verbindung zwischen Gast und Gastgeber beruht auch auf dem Bewusstsein der Einmaligkeit jeder einzelnen Zusammenkunft. Im Japanischen als "Ichigo-ichie" bezeichnet (一期一会), wird die Unwiederbringlichkeit des Moments und des Zusammenseins der anwesenden Gäste und des Gastgebers zelebriert – nie wieder werden genau die gleichen Menschen unter genau denselben Umständen zueinander finden und miteinander die gleiche Tasse Tee teilen können.

Japanische Teezeremonie - Frau trinkt Matcha TeeJapanische Teezeremonie - Frau trinkt Matcha Tee

Die spirituelle Dimension der Teezeremonie – Eine Annäherung

Allen Stilrichtungen und Arten der Teezeremonie gemein ist, dass der Ablauf der Tee-Zusammenkunft bis ins letzte und kleinste Detail festgeschrieben ist: von der Reihenfolge der Knie beim Aufstehen über die Ausrichtung der Finger beim Halten des Wasserschöpfers bis sogar hin zum Wortlaut des Austausches zwischen Gastgeber und Gast – jede Winzigkeit scheint festgesetzt, bedeutungsschwanger und, um es pointiert auszudrücken, von Anfang bis Ende geskriptet zu sein. Auch wenn die Teezeremonie so auf den ersten Blick ein wenig starr und unspontan, ja gar unnahbar und vielleicht befremdlich erscheinen mag, ist dieses “Festgeschriebensein” jeden Details tatsächlich essentiell für den spirituellen Kern der Zeremonie. Denn durch die konstante Übung der perfekt harmonischen und immer gleichen Abläufe stellt sich im Laufe der Praxis ein zutiefst entspannender, meditativer Flow-Zustand ein: gerade weil keine einziger Gedanke mehr an das Wie und Was – vom Körper in der jahrelangen Praxis vollkommen aufgesogen und ohne Zögern beherrscht – aufgewendet werden muss, kann die volle Aufmerksamkeit in jedem Moment dem reinen Tun gewidmet werden.

Wo der Beginner den genauen Ablauf noch mit Nachdenken und Intention erlernen muss, erreicht der voranschreitende im Laufe der Praxis mehr und mehr einen Zustand, bei dem die Wahrnehmung von Selbst und Handlung zu Einem verschmilzt, womit der Kreis zum eingangs erwähnten Zen-Buddhismus geschlossen ist. So ist die Teezeremonie in ihrer Essenz, wie von dem oben zitierten Daimyō und Teemeister Matsudaira Fumaikō treffend ausgedrückt, eine ganz praktische, spirituelle Übung darin, in vollem Einklang mit dem gegenwärtigen Hier und Jetzt zu sein.

Die im Buddhismus als grundlegendes Geistesgift angesehene Gier und der unstillbare Durst von Geist und Körper nach immer neuen Sinneseindrücken, welche niemals gänzlich zufriedenstellend sind und so den ewigen Kreislauf von Unzufriedenheit und Ungenügsamkeit aufrecht erhalten, wird in der Übung der Teezeremonie zumindest temporär durchbrochen. In einer authentischen Teezeremonie werden nur eine kleine Süßigkeit und wenige Schlücke Matcha-Tee gereicht – welche mit vollster Aufmerksamkeit und begleitet von vielen Gesten und Worten der Dankbarkeit zu sich genommen werden. So wird ein Geisteszustand kultiviert, der das Wundervolle selbst im Winzigen sieht, und Genugtuung selbst im Geringsten empfindet.

Der Fokus der Aufmerksamkeit wird vom Unzulänglichen und Ungenügenden zur vollkommenen Wertschätzung des Vorhandenen gelenkt, das ewige Suchen und der Durst des Geistes nach Mehr kollabiert schließlich in einer unerschütterlichen und absoluten Zufriedenheit mit dem gegenwärtigen Moment, was immer er zu bieten hat. Die konzentrierte und zugleich zutiefst entspannte Wahrnehmung aller Feinheiten uns Subtilitäten, von den Feinheiten des Matcha-Aromas bis hin zur ästhetischen Gesamtwirkung der Utensilien und Dekorelemente, mündet in einem Zustand tiefer Glückseligkeit, Zufriedenheit und Akzeptanz, der weder in Worten noch im reinen Zuschauen einer Teezeremonie zu vermitteln ist.

Wer die Chance dazu hat, dem können wir daher nur nachdrücklich empfehlen, an einer authentischen Teezeremonie als Gast einmal selbst teilzunehmen oder diese gar von einem bzw. einer erfahrenen Meister/in zu erlernen. Sobald der Ablauf einmal verstanden ist und kein großes Nachdenken mehr erfordert, eröffnet die Teezeremonie eine einmalige Welt der Harmonie, Ästhetik und spirituellen Einkehr.

Chado Teezeremonie Säubern der Raku TeeschaleChado Teezeremonie Säubern der Raku Teeschale

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